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Politik, Tierrechte, (Staats)-Moral

13 Jul

Offener Brief zum Ukraine-Krieg: Wir werden vernichtet

Veröffentlicht von hubwen  - Kategorien:  #Ukrainischer Dichter Serhij Zhadan

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Ich muss Leuten, die JETZT einen Waffenstillstand mit Russland verlangen, vehement widersprechen. Damit wäre das Existenzrecht der Ukraine in den Wind geschrieben. Unter sogenannten Friedensaktivisten befinden sich nicht nur gute, sondern auch Putin-Freunde und Trojaner. Oft ist es auch ein falsch verstandenen Pazifismus der eine erschreckende Gleichgültigkeit für das Los der Ukrainer beinhaltet.
Von Zeit.de
Deutsche Intellektuelle fordern in einem offenen Brief einen Waffenstillstand in der Ukraine. Sie sprechen damit der Ukraine das Existenzrecht ab. Eine Antwort
Von Serhij Zhadan
Der ukrainische Dichter Serhij Zhadan (49) erhält den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – und schreibt aus dem umkämpften Charkiw.
„Wenn die Ukraine verliert, gehen die Opfer nicht in die Tausende, sondern in die Hunderttausende“, schreibt Zhadan in seiner Antwort auf den offenen Brief deutscher Intellektueller.
Der offene Brief der deutschen Intellektuellen (ZEIT Nr. 27/22), in dem sie Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland fordern, enthält einige Passagen, die Verwunderung und Unverständnis, wenn nicht gar Entrüstung hervorrufen. Wenn die Autoren und Autorinnen des Briefes etwa schreiben: „Die Ukraine hat sich unter anderem dank massiver Wirtschaftssanktionen und militärischer Unterstützungsleistungen aus Europa und den USA bislang gegen den brutalen russischen Angriffskrieg verteidigen können“, so entsteht der Eindruck, die deutschen Intellektuellen hielten den Krieg für mehr oder weniger beendet oder doch immerhin das Schlimmste für ausgestanden. Als seien die Gebiete Cherson und Luhansk und Teile der Gebiete Charkiw und Donezk nicht besetzt, als würde Russland nicht tagtäglich ukrainische Städte mit Raketen beschießen, als würden nicht Tag für Tag ukrainische Zivilisten und Soldaten ihr Leben lassen. Die Ukraine verteidigt sich. Lassen Sie uns die Dinge beim Namen nennen: Dass Charkiw, Mykolajiw und Odessa noch immer in ukrainischer Hand sind und es dort keine Filtrationslager und Massengräber gibt, ist nicht der russländischen Gesprächsbereitschaft zu verdanken, sondern unserer Kampfbereitschaft und Widerstandsfähigkeit.

 

Die Ukraine verteidigt sich weiter, heute, jetzt, genau in diesem Moment. Während manche Leute Verhandlungen mit dem Aggressor in Erwägung ziehen, verteidigen die ukrainischen Soldaten mit ihren Körpern unser Land. Ja, die Ukraine hat es geschafft, Kiew, Charkiw, Tschernihiw und Sumy zu halten, aber was ist mit Mariupol, Sjewjerodonezk und Lyssytschansk? Soll man diese Städte und ihre Bewohner etwa ausblenden? Wiegen ihr Schicksal, ihre Kinder, ihre Frauen und Alten, die jetzt unter der Besatzung leben müssen, weniger schwer als der „rasante Preisanstieg“ und der „Energiemangel“?

 

Wovon ist eigentlich die Rede? Davon, dass wir Ukrainer überzogene Absichten haben? Dass wir nur kämpfen, weil wir zu viele Waffen haben? Dass wir länger Widerstand leisten, wenn wir noch mehr Waffen kriegen? Und dass darin das eigentliche Problem liegt? Verstehen die Verfasser des Briefes wirklich nicht, was die Ukrainer erwartet, wenn sie die Waffen niederlegen?

 

Sie verstehen es sehr wohl. Sie schreiben sogar: „Einen Diktatfrieden Putins darf es nicht geben.“ Natürlich nicht, denn ein Frieden, den Putin diktiert, wäre ein Frieden ohne die Ukraine, ohne ihre Souveränität, ohne ihre Unabhängigkeit. Russland verkündet die durch und durch verlogene Idee von einer „Entnazifizierung“ der Ukraine, was tatsächlich geschieht, ist eine „Entukrainisierung“. Ukrainer werden getötet, weil sie Ukrainer sind. Finden die Verfasser des offenen Briefs eine Rechtfertigung für die Tausenden zivilen Opfer in den Städten, die Widerstand geleistet haben und die von den Russen besetzt wurden? Wohl kaum. Russland und die Ukraine bei der Forderung nach Verhandlungen mit einem Maß zu messen, ist zynisch und unfair.

 

Wir können unseren Widerstand nicht aufgeben, weil wir sonst vernichtet werden. Wir müssen vom Westen Waffen fordern, weil wir sonst vernichtet werden. Wir müssen die Welt zum Kampf gegen das Putin-Regime aufrufen, weil wir sonst vernichtet werden. Physisch vernichtet, im wahrsten Sinne des Wortes, ohne Umschweife. So wie bereits Tausende Ukrainer in Mariupol, Butscha, Hostomel und Irpin vernichtet worden sind.

 

Ich weiß nicht, was sie, die getöteten Bürger der Ukraine, von der Idee halten würden, mit Russland zu verhandeln. Aber ich weiß, dass sie keine Waffen hatten und sich deswegen nicht verteidigen konnten. Darin liegt meiner Meinung nach der größte Fehlschluss der deutschen Intellektuellen, die auf Verhandlungen mit Russland drängen: Die Russen wollen nicht mit uns verhandeln, sie wollten und wollen uns vernichten. Und wenn die deutschen Intellektuellen andeuten, eine allzu große Unterstützung für die Ukraine lohne nicht, weil die Ukrainer sowieso keine Chance hätten, lassen sie es zu, dass durch den russischen Chauvinismus und Revanchismus Normen und Gesetze verletzt werden und das ukrainische Volk ausgelöscht wird. Sie sprechen damit der Ukraine das Existenzrecht ab.

 

Ich glaube nicht, dass es für dieses sanfte Drängen der Ukraine zur Kapitulation und den Appell an die europäischen Regierungen, die Augen vor diesem Genozid des 21. Jahrhunderts zu verschließen, eine ethische oder moralische Rechtfertigung gibt. Indem sie einem falsch verstandenen Pazifismus anhängen – der nach zynischer Gleichgültigkeit stinkt –, legitimieren die Verfasser des Briefs die Putinschen Propagandanarrative, die besagen, dass die Ukraine kein Recht auf Freiheit, kein Recht auf Existenz, kein Recht auf Zukunft, kein Recht auf eine eigene Stimme hat, weil ihre Stimme, ihre Position den großen und schrecklichen Putin womöglich reizen könnte. Dazu möchte ich den verehrten Experten auf dem Gebiet der unergründlichen russischen Seele folgendes sagen: Sie haben recht, Putin ist schrecklich, aber ganz und gar nicht groß. Und wenn weiterhin etliche deutsche Intellektuellen Angst vor ihm haben, müssen sie das mit ihrer Selbstachtung und ihrem Gewissen vereinbaren.

 

Die Verfasser des Briefes schreiben: „Die Fortführung des Krieges mit dem Ziel eines vollständigen Sieges der Ukraine über Russland bedeutet Tausende weitere Kriegsopfer, die für ein Ziel sterben, das nicht realistisch zu sein scheint.“ Was sie sich nicht trauen zu sagen: Wenn die Ukraine verliert, gehen die Opfer nicht in die Tausende, sondern in die Hunderttausende. Und das Blut dieser Toten haben jene auf dem Gewissen, die immer noch unbeirrt mit dem Bösen spielen und dabei allen Wohlergehen und Frieden wünschen.
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe.

 

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